Besser später entladen, als wahrscheinlich nie mehr

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13.12.2017

Mit meinem bis unter’s Dach gefüllten Lkw, stehe ich gemeinsam mit anderen Lkw´s nebeneinander auf einer markierten Parkfläche meines für heute zweiten Kunden. Draußen ist es nass und kalt. Der eisige Wind umweht liebevoll die Seitenscheiben meines Lkw´s. Obwohl es mittlerweile 11 Uhr 30 vormittags ist, will die Helligkeit des Tages nicht so recht auf der Oberfläche der nördlichen Hemisphäre dieses Planeten, zu uns Menschen hindurch dringen. Das ist ein Tag welchen man so am liebsten Mutter Natur, im Austausch gegen Sonnenstrahlen und Wärme, ungefragt gern wieder zurück geben möchte. Nur bin ich eben nicht hier als Bittsteller für Licht und angenehme Temperaturen, sondern als Berufskraftfahrer und in dieser Funktion sitze ich wartend hinter dem Steuer meines Lkw´s. Das müsste ich zwar nicht, wenn denn heute alles mit der Beladung meines Aufliegers geklappt hätte, aber… hätte, hätte, Fahrradkette. Fakt ist, ich habe meinen Termin vor einer Stunde nicht geschafft und somit hat sich mein Anrecht auf pünktliche Entladung in einen Hauch von Nichts aufgelöst. Da sind Kunden manchmal gnadenlos. Mit der Hoffnung im Herzen, hier dennoch nicht all zu lange warten zu müssen, nehme ich mir ein Buch zur Hand.

Während ich mit meinen Augen optisch einen Buchstaben nach dem anderen in mich hinein sauge, bemerke ich wie der Kollege links neben mir seinen Motor startet und mit seinem Lkw langsam seine Parkposition verlässt. Da ich diese Aktion als Berufskraftfahrer schon mehr als nur einmal erlebt habe, schenke ich ihr keine besondere Aufmerksamkeit und widme mich weiter dem Gedruckten meines Buches. Plötzlich vernehme ich ein Geräusch, welches ich als sehr unangenehm in meinem Gehörgang empfinde. Der Kollege hat nämlich mit dem rechten Ende seines Aufliegers beim Herausfahren nicht nur meinen linken Außenspiegel verdreht, sondern auch die Abdeckkappe selbigen abgerissen. Bevor mir der Kollege hier noch entschwindet, ohne, dass ich mit ihm über sein Missgeschick sprechen kann, hupe ich wie ein Weltmeister. Der Kollege hält an, öffnet dabei sein Fahrerfenster und dreht sich noch nichts ahnend zu mir um. Mir fällt auf, dass er trotz Nieselregens eine Sonnenbrille trägt. Ich steige aus und deute auf meinen verdrehten linken Außenspiegel. Der Kollege steigt auch aus und macht sich auf den Weg zu mir. Ich bin nicht nur etwas überrascht über diese Aktion des Kollegen, sondern wundere mich auch über die Sonnenbrille, die der Kollege auf der Nase trägt. Ich frage mich, ob ihn die Regenwolken vielleicht zu sehr blenden oder ob coole Menschen von Hause aus generell eine Sonnenbrille tragen müssen. Während ich die Abdeckkappe meines Außenspiegels aufhebe, kommt ein anderer Kollege auf mich zu und sagt zu mir, dass der Kollege der meinen linken Außenspiegel beschädigt hat, sich vor ca. 10 Minuten vor seiner Lkw Zugmaschine übergeben hat.

Ich:

Wie? Was? Übergeben?

Der andere Kollege:

Ja, ich hab es gesehen, als ich auf dem Weg zur Anmeldung war. Nicht, dass der voll ist oder so.

Vielleicht hat er sich aber auch ’nur‘ einen schlimmen Magen-Darm-Virus eingefangen und sich deswegen sein Frühstück nochmal durch den Kopf gehen lassen. Wer weiß das schon so genau?

Nun kommt der Kollege, welcher mir meinen linken Außenspiegel beschädigt hat, auf mich zu. Er steht direkt vor mir und erzählt mir etwas, was ich trotz Deutsch Unterrichtes in der Schule, semantisch nicht verarbeiten kann. Das liegt nicht daran, dass ich in der Schule nicht aufgepasst habe, sondern der Kollege rund wie ein Buslenker ist. Alter Finne, das hätte ich jetzt nicht erwartet. Hatte der andere Kollege wohl doch Recht.

Ich:

Sag mal, kann das sein, dass du voll bist?

Der Kollege:

Ja lalürlich, ich wi ja hier au eladen.

Ich:

Ich meine nicht deinen Lkw, sondern dich und kann das sein, dass du vor den Lkw eines Kollegen gekotzt hast?

Der Kollege versucht mir lallend zu erklären, dass er sich angeblich einen Magen-Darm-Virus eingefangen hat und es ihm deswegen nicht so gut ginge. Na so ein Zufall aber auch.

Ich:

Tatsächlich? Und deswegen lallst du auch so und stinkst wie ein umgekipptes Schnapsregal?

Der Kollege dreht sich wortlos um und will wieder zurück zu seinem Lkw. Nur hat er die Rechnung ohne mich gemacht. Ich gehe ihm hinterher und erkläre ihm, dass es jetzt besser für ihn und seine Umwelt ist, seinen Lkw nicht mehr zu bewegen. Das passt dem Kollegen überhaupt nicht. Und mir passt es nicht dabei zuzusehen, wie er seine Fahrt zur Entladung und später im öffentlichen Straßenverkehr fortsetzen will. Nun passieren Dinge, die ich an dieser Stelle nicht näher erläutern möchte.

Jetzt, wo diese Dinge vorbei sind, kommt die Polizei auf den Parkplatz gefahren. Sie nehmen nicht nur die Personalien auf, sondern den betrunkenen Kollegen auch gleich mit zur Wache. Der Lkw des Trunkenboldes verbleibt derweil unentladen auf dem Lkw Parkplatz des Kunden zurück.

Nachdem ich den linken Außenspiegel meines Lkw’s repariert habe, nehme ich wieder mein Buch zur Hand. Circa zweieinhalb Stunden später klingelt mein Telefon. Ich darf endlich zur Entladung fahren. Die späte Entladung sehe ich vor dem Hintergrund dessen was vorhin passiert ist, dennoch positiv. Denn es ist als Berufskraftfahrer (meiner Meinung nach) immer noch besser später zu entladen, als wahrscheinlich nie mehr.

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