Warum so einer wie ich Lkw fährt

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Vorwort

Immer wieder werde ich gefragt, warum so einer wie ich eigentlich Lkw fährt. Die Standartantwort wäre jetzt wahrscheinlich, weil ich es kann. Ok, das mag durchaus stimmen, aber ich kann auch auf dem Kamm blasen oder bis kurz vor unendlich zählen (wenn ich viel Zeit habe) und dennoch fahre ich Lkw.

Wie alles begann

Ich glaube angefangen hat das Ganze, als ich als Kind noch sehr klein war. Da hatte ich von meinen Eltern ein Spiel geschenkt bekommen. Dieses Spiel bestand aus 4 Plastikringen, welche man an ein an der Wand hängendes Kreuz werfen konnte. Das Spiel an sich hatte mich damals nicht wirklich interessiert, viel mehr diese Plastikringe. Diese Ringe hatten nämlich eine Eigenschaft, die ich als Pimpf total faszinierend fand. Als ich abends im Dunkeln in meinem Bett lag, nahm ich einen dieser Ringe in die Hand und drehte ihn. Dabei konnte ich durch die statische Aufladung kleine weiße Elektrizitätspunkte rund um meine damals noch kleinen Handflächen beobachten. Ich war so fasziniert davon, dass ich diese Ringe immer wieder, wie das Lenkrad eines Autos, in meinen Händen drehte. Durch die ganze Dreherei muss es haptisch einen Impuls an mein neuronales Zentrum gegeben haben, welcher ein neues Gen hat enstehen oder ein bereits vorhandenes Gen hat aktivieren lassen. Das muss das, von vielen Kraftfahrern als „Diesel im Blut“ beschriebene, Gen gewesen sein.

Zu dieser ganzen Faszination der statischen Aufladung kam hinzu, dass ich mir dabei immer vorgestellt habe, gleichzeitig ein Auto zu lenken. Drehe ich den Ring nach rechts, fahre ich simultativ nach rechts und drehe ich den Ring nach links, fahre ich simultativ nach? Links, richtig. Natürlich bin ich aus dieser ganzen Ringdreherei relativ schnell heraus gewachsen.

Andere Dinge oder Menschen, welche nun Einfluss auf mich ausübten

Mein Onkel Karl Heinz von gegenüber zum Beispiel. Ob der damals mit meiner Familie irgendwie um 12 Ecken verwand war oder nicht, keine Ahnung. Er war halt Onkel Karl Heinz von gegenüber und er fuhr einen Lkw, und zwar mit Haube, Vollbart und Peilstangen an der Motorhaube. Der gute Mann hatte mich mal hinter dem Lenkrad seines Lkw´s auf seinen Schoß genommen. Oh man, fühlte sich das gut an. Ich der laufenden Meter, gerade so groß um durch die Speichen des Lenkrades (welches für mich damals so groß war wie Sachsen Anhalt) nach vorn auf die Straße zu schauen, habe selbiges in der Hand und signalisiere dem Lkw somit, wohin er sich zu bewegen hat. Stolz wäre hier nicht mal annähernd das Wort, welches mein Gefühl von damals beschreiben könnte. Meinem Onkel Karl Heinz muss es irgendwie ähnlich ergangen sein, so wie der sich mit seinem Gesicht gefreut hatte.

Aber nicht nur Karl Heinz oder diese Plastikringe hatten fahrerischen Einfluss auf mich. Auch ein hinter unserem damaligen Wohnblock stehendes Autowrack begeisterte mich. Immer wieder setzte ich mich, als dann schon etwas größeres Kind, hinter das Steuer dieses Schrotthaufens aus Blech. Aus den Sitzen schauten bereits die Sprungfedern heraus und Glas in den Seitentürfenstern gab es auch nicht mehr. Egal, meine Phantasie war eh stärker und größer, als dieses vom Rost und der Zeit dahin geraffte Fahrzeugwrack. Ich spielte Auto fahren. Rechts rum, links rum, blinken, schalten und Gas geben. Fahren war einfach geil, auch wenn ich nicht wirklich vom Fleck kam. Mir war das egal, mir konnte keiner was. Einzig ich allein war Herr und Gebieter über meine fahrerische Traumwelt.

Wie es weiter ging

Als Jugendlicher setzte ich mich im Bus so oft es ging rechts neben den Busfahrer in die erste Sitzreihe und beobachte ihn bei seiner Arbeit. Türen zu, Blinken, Gang einlegen, Kupplung kommen lassen und Gas geben. Immer wieder die selben Abläufe. So ticke ich übrigens auch. Ich lerne unter anderem durch´s Zusehen und Abgucken. Ich schau mir einfach an wie es gemacht wird und dann versuche ich so gut es geht, das Gesehene nachzumachen, vorausgesetzt es interessiert mich auch. Wenn mir jemand zeigt, dass es erstens geht und zweitens wie, bin ich motiviert bis in die Sandalen, es selbst auch hinzubekommen. Schon allein deswegen, weil ich ja weiß, dass es geht.

So ergab sich auch meine erste Fahrt mit einem Auto. Einen Führerschein hatte ich zu der Zeit nicht. Wozu auch? Dem Auto ist das eh völlig Latte ob du eine Berechtigung hast oder nicht. Entweder du kannst fahren oder du kannst es nicht. Ich hatte den Fahrzeugschlüssel unseres Familienautos geklaut und bin dann heimlich mit dem Auto abends von hier nach da gefahren. Schlüssel umdrehen, Kupplung treten, Gang einlegen und Gas geben. So wie ich es eben beim Bus (mit)fahren gelernt hatte. Der Rest war Übung. Ich hatte (ohne Witz!) sogar noch junge Leute von einer Dorfdisco mitgenommen und nach Hause gefahren. Einfach so, weil ich es konnte. Mein damaliger Stiefvater fand das zwar nicht witzig, doch das war mir egal. Talent kann man nicht mit Stubenarrest zu Grunde richten. Obwohl ich diese Leidenschaft für das Fahren in mir trug, machte ich keine Lehre als Kfz Mechaniker oder ähnliches. Ich bin gelernter Eisenbahnbautechniker. Warum gerade das und nicht irgendwas mit Kfz? Keine Ahnung. Es hatte sich einfach so ergeben.

Bei der Bundeswehr

Beim Bund (wie wir damals zu sagen pflegten) habe ich den Pkw- und Lkw Führerschein gemacht. Irgendwie landete ich bei dem Verein in einer Kfz Einheit. Um die reparierten und gewarteten Fahrzeuge auch Probe fahren zu können, brauchte man halt eine Berechtigung namens Führerschein. Und das Geniale dabei war, dass man diese von der Bundeswehr finanzierten Führerscheine in das zivile Leben übertragen konnte. Vielen Dank nochmal im Nachhinein. Ich hatte den Pkw und Lkw Führerschein in eins durch gemacht. Der Fahrlehrer meinte damals nur, dass er so einen wie mich auch noch nicht ausgebildet hätte. Während der Bundeswehrzeit hatte ich angefangen `nebenberuflich` Lkw zu fahren. Ich fuhr für eine Kühlspedition Temperatur geführte Transporte. Und ja, es gab nicht nur gutes Geld dafür, es machte mir auch Spaß.

Der Job

Folglich landete ich nach der Bundeswehr bei einer Spedition. Den Lkw Führerschein und Erfahrungen hatte ich ja und dieses besagte Gen war ja auch aktiviert. Viele Jahre bin ich dann im nationalen und internationalen Fernverkehr gefahren. Es hat mir einfach Spaß gemacht unterwegs zu sein. An Orten sein zu dürfen, wo andere Menschen niemals hinkommen würden und wenn ja, sie dann viel Geld dafür ausgeben müssten. Dennoch hat diese Zeit auch ihrer Spuren hinterlassen, sei es privat oder gesundheitlich. Deswegen entschloss ich mich eine Umschulung zu machen. Ich wollte etwas Kreatives machen und so hatte ich das große Glück, eine Umschulung zum Mediengestalter genehmigt zu bekommen. Eine für mich wirklich interessante und hochspannende Zeit. Was ich da gelernt habe, das war schon nicht mehr feierlich. Nicht nur, was unter anderem Kreativität, Design und Gestaltung betrifft, nein auch was Menschen aus der Werbe- oder meinetwegen auch Kreativbranche angeht. Da hat sich zum Beispiel mal der Chef einer Werbeagentur sein Koks per Bote in die Agentur kommen lassen. Oder eine Agentur war nicht an der Qualität seiner Produkte interessiert, sondern eher daran, wie man Kunden so viel Geld als möglich aus der Tasche ziehen kann. Das soll aber nicht heißen, dass das überall in dieser Branche so ist. Ich habe es in dieser Zeit einfach nur gratis mit dazu erleben dürfen.

Insgesamt habe ich mich 6 Jahre in dieser Kreativbranche herumgetrieben. Grundsätzlich hat es mir sehr viel Spaß gemacht, nur dass ich eben auch feststellen musste, dass ich kein Mensch für das Büro bin, bzw. ich mich an einem immer wieder festen Ort nicht wohl, eher eingesperrt fühle. Ich bin halt jemand, der frei sein, unterwegs sein muss. Jetzt hier, nachher da. Heute jedoch mit täglichem, festem Wohnsitz und einer ebenso festen Partnerin. Ich fing damals in der Agenturzeit sogar an, heimlich vom Lkw fahren zu träumen. Mir fehlte das einfach.

So ging ich zu meiner alten Spedition zurück und fragte nach, ob sie einen Lkw Fahrer gebrauchen könnten. Ja, konnten Sie, aber nicht ohne Probefahrt. Denn ich war ja 6 Jahre raus aus dem Geschäft. Ich sollte mit einem Lkw mit Sattelauflieger eine Runde um die Halle fahren und danach den Auflieger absatteln. Ich werde das nie vergessen. Ich drehte den Zündschlüssel rum und der Motor des Lkw´s startete. Oh man, da war es wieder, dieses unbeschreibliche Gefühl, endlich beruflich wieder zu Hause zu sein. Angekommen nach langer Suche. In dem Moment wusste ich, Torsten das ist dein wirkliches Ding. Auch wenn du eine kreative Ader haben magst, aber das hier, das bist du. Den Auflieger habe ich natürlich noch abgesattelt. Ich war wieder eingestellt.

Wie es heute ist

Es macht mir nach wie vor Spaß Lkw zu fahren, auch wenn die Umstände manchmal nicht einfach sind. Aber das gehört wohl einfach dazu und was ich sehr an diesem Beruf schätze, er ist ehrlich und geradeaus. Du bist als Fahrer live und echt und das sieht der Kunde und er kann sich dementsprechend selbst ein Bild von dir und deiner Arbeit machen.

Die eigentliche Frage

Und warum fährt nun so einer wie ich eigentlich Lkw?

Die Antwort

Ich glaube, weil ich das große Glück habe, beruflich das machen zu dürfen, was mir wirklich Spaß macht.

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