Logistik hat nichts mit Logik zu tun

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23.11.2017

Als ich damals in meinem Alter war – wie das klingt, als wenn ich heute nicht in meinem Alter wäre – hat mein Klassenlehrer in der Schule immer behauptet, Chemie ist das Schulfach wo es knallt und stinkt und Physik das Fach, wo nichts gelingt. Wäre ich damals der Klassenlehrer gewesen, dann hätte ich zusätzlich noch erwähnt, dass Logistik, obwohl es ähnlich klingt, nichts mit Logik zu tun hat. Das hätte damals aus meiner Schulklasse zwar niemanden interessiert, Realität ist es trotzdem.

Mit diesem Wissen irgendwo ganz hinten in meinem Hinterkopf, fahre ich zur heutigen Abladestelle.

Geladen habe ich einen ganzen Auflieger voll mit Sammelgut, inklusive Zollware. Für diese Zollware habe ich extra ein so genanntes T1 Dokument dabei. Dieses Papier beinhaltet eine Gestellungsfrist. Soll heißen, dass der Kunde innerhalb einer bestimmten Frist diese Ware Zoll-technisch zu bearbeiten und zu entladen hat. Verpasst der Kunde diese Frist, so muss die Zollware bei einem Zollamt wieder vorstellig werden. So viel erst einmal zur Zollware. Ich werde später wieder darauf zurück kommen.

Normalerweise läuft das bei dem Kunden hier so. Man fährt mit dem Lkw zur Entladung, man wird entladen und danach fährt man leer vom Betriebsgelände. Voraussetzung hierfür ist unter anderem ein Zeitfenster und ein leerer Entladeplatz, auf den man sich mit seinem vollen Lkw hinstellen kann.

Ich stehe in der Wachanmeldung des Kunden und melde mich mit meinen Papieren und meinem Zeitfenster Code pünktlich an. Mein Telefon klingelt. Meine Disponentin ist dran und sie gibt mir folgende Anweisung:

Stell deinen Auflieger bei diesem Kunden bitte ab und nimm dir von dort danach einen leeren Auflieger auf. Mit dem fährst du zu dem ca. 120 Kilometer entfernten Kunden und lädst dort für unseren Betriebshof. Auftragsnummer schicke ich dir gleich per SMS.

Da bei diesem Kunden mehrere leere Auflieger unserer Firma herumstehen, sollte das eigentlich kein Problem sein. Aber so einfach ist das nicht. Denn der gute Mann von der Wachenmeldung (nicht der Sicheherheitsmensch) weiß von der ganzen Aktion mit dem Tauschen der Auflieger nämlich nichts.

Ich sage zu ihm:

Kannst du im Versandbüro drinnen mal bitte nachfragen, wo ich den Auflieger hinstellen soll?

Der gute Mann ruft drinnen im Versandbüro an und bekommt folgende Antwort zu hören:

Davon wissen wir nichts. Er hat doch einen Termin zum Entladen. Warum wartet er denn nicht bis er dran ist?

Das würde ich ja machen, wenn es mir meine Disponentin gerade am Telefon nicht anders aufgetragen hätte. Deswegen rufe ich jetzt meine Disponentin an:

Du, die wissen hier nichts davon, dass ich auf einer der Entladestellen meinen vollen Auflieger abstellen soll.

Sie antwortet mir:

Oh man, das gibts doch nicht. Warte, ich rufe da mal an. Ich rufe dich gleich zurück.

In der Zeit bis sie mich zurück ruft, unterhalte ich mich mit dem Sicherheitsmenschen der Wache unter anderem über das Thema Logistik und den dazu gehörigen Begleiterscheinungen. Wir sind so tief in unser Gespräch vertieft, dass ich gar nicht mitbekomme wie viel Zeit schon wieder vergangen ist. Meine Disponentin hat sich auch noch nicht gemeldet. Ich rufe sie zurück, um zu erfahren, was nun aus mir und meinem vollen Auflieger werden soll.

Ich:

Hallo, weißt du schon was ich jetzt machen soll?

Sie antwortet mir:

Ja, du sollst dich drinnen in der Halle im Versandbüro melden und die sagen dir dann, wo du den vollen Auflieger zur Entladung abstellen kannst.

Ok, das ist doch mal ne Ansage. Also setze ich mich in meinen Lkw und fahre vom Lkw Parkplatz in die Halle hinein, bis zum Versandbüro und frage dort nach, wo ich den vollen Auflieger zur Entladung hinstellen soll.

Ein Versandmitarbeiter antwortet mir:

Wie? Was? Abstellen? Wer hat dich denn reingeholt?

Ich antworte:

Das wirst du mir jetzt wahrscheinlich nicht glauben, aber das muss einer von euch gewesen sein.

Ein anderer Versandmitarbeiter antwortet mir:

Wir wissen von nichts. Von uns hat dich mit Sicherheit keiner hier reingeholt.

Ich antworte:

Meine Disponentin meinte vorhin am Telefon zu mir, dass ich in die Halle zu euch zum Versandbüro fahren kann und ihr mir dann sagt, wo ich den vollen Auflieger zur Entladung abstellen soll.

Solche ratlosen Gesichter habe ich das letzte Mal bei Oma Gertrudes 90. Geburtstag gesehen, als die ganze verkommene Verwandtschaft erfahren musste, dass Oma ihr ganzes Vermögen testamentarisch an das Tierheim von nebenan vererbt hat.

Ich weiter:

Ich agiere nur auf Anweisung und denkt bitte daran, auf dem Auflieger befindet sich Zollware mit einer Gestellungsfrist, die nur noch heute gültig ist. Ansonsten muss die Zollware wieder bei einem Zollamt vorstellig werden.

Rumms, das hat gesessen, nur hilft es mir in dieser verfahrenen Situation kein Deut weiter. Ich brauche dringend den anderen leeren Auflieger um weiter machen zu können und die Jungs hier haben keinen freien Entladeplatz zur Verfügung. Alles voll. Teilweise stehen hier sogar noch volle Auflieger, ohne dazugehörige Zugmaschinen. Die müssen auch noch alle abgeladen werden. Also, keine Chance.

Ein Versandmitarbeiter zu mir:

Dann stell deinen Auflieger bitte draußen auf dem Lkw Parkplatz ab. Geht ja nicht anders und dann nimmst du dir von draußen einen leeren Auflieger. Danach kommst nochmal kurz ins Büro. Wir machen dir in der Zwischenzeit deine Papiere für den vollen Auflieger fertig und dann bekommst du nachher alle deine Papiere.

Ok, das lasse ich mir nicht zweimal sagen, aber nicht ohne noch mal explizit auf die Gestellungsfrist der Zollware hinzuweisen. Ein mehr als „ja ok, wissen wir Bescheid“ ist nicht drin. Na immerhin. Nicht, dass es später noch heißt, ich hätte nicht darauf hingewiesen.

Ich stelle den vollen Auflieger mit der Zollware draußen auf den Lkw Parkplatz ab und sattle den anderen leeren Auflieger für meine Anschlusstour wieder auf. Danach fahre ich wieder in die Halle hinein und hole meine Papiere für das Abstellen des vollen Aufliegers ab. Obwohl auf den vollen Auflieger noch kein Entladepersonal drauf geschaut hat, erhalte ich meine Papiere, samt T1 Formular, in Kopie quittiert zurück. Somit ist hier meine Mission erfüllt und ich mache mich auf den Weg zum ca. 120 Kilometer entfernten Kunden, um eine neue Ladung aufzunehmen. Die Beladung verläuft hier ohne Probleme. Jetzt geht es Richtung Heimat. Auf der Hälfte der Strecke ruft mich eine Mitarbeiterin unseres Unternehmens an und fragt mich, wann ich denn mit meinem Lkw bei dem Kunden von heute früh eintreffen werde.

Ich antworte:

Wie bitte? Ich bin beladen auf dem Weg nach Braunschweig zum Betriebshof.

Die Mitarbeiterin:

Aber sie haben doch Zollware auf dem Lkw, bei der heute die Gestellungsfrist abläuft.

Ich antworte:

Sie meinen hatte. Ich hatte die Zollware auf dem Lkw.

Die Mitarbeiterin:

Wieso hatte? Wo ist denn die Zollware jetzt und wo sind sie?

Ich antworte:

Die befindet sich auf dem Auflieger, den ich heute morgen bei dem Kunden auf dem Lkw Parkplatz abgestellt habe und ich befinde mich hinter dem Lenkrad meines Lkw’s.

Die Mitarbeiterin:

Ok, dann fahren sie da jetzt bitte wieder hin und bringen ganz dringend den Auflieger in die Halle zur Entladung. Die Zollware muss ansonsten bei einem Zollamt vorstellig werden. Der Kunde selbst hat keine Möglichkeit den Auflieger zur Entladung in die Halle zu transportieren.

Ich antworte:

Das tut mir wirklich außerordentlich leid. Ich befinde mich gerade ca. 100 Kilometer weit weg von diesem Kunden, bin voll beladen und auf dem Weg zum Betriebshof. Das sieht eher schlecht aus für die Zollware.

Die Mitarbeiterin:

Hm und nun? Was machen wir jetzt? Warum macht der Kunde denn so was? Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn. Schon allein wenn die wissen, dass sich Zollgut auf dem Auflieger befindet und die Gestellungsfrist heute abläuft.  Das ist doch unlogisch.

Sag ich doch. Logistik hat halt nichts mit Logik zu tun.

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