Ein schleichender Prozess

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19.11.2017

Diejenigen Lkw Fahrer unter meinen Berufskraftfahrer Kollegen, die schon mal bei einem Großlogistiker entladen mussten, können ein Lied davon singen.

Lkw Fahrer werden von Großlogistikern vielerorts gezwungen ihre Ladungen selbst zu entladen. Dazu muss man wissen, dass ohne eine explizite Vereinbarung zwischen Kunde und Spedition, das Entladen des Lkw’s nicht zu den Aufgaben eines Lkw Fahrers gehört. Den meisten Großlogistikern ist das aber egal. Um den Kunden weiterhin günstige Produkte anbieten zu können, wird dementsprechend auf eigenes Entladepersonal verzichtet und wie selbstverständlich diese Aufgabe, ohne eine Form der Leistungsentschädigung, dem Lkw Fahrer übertragen. Richtig ist das nicht und gerecht schon einmal gar nicht. Mittlerweile ist es aber leider zur gängigen Praxis geworden. Teilweise sogar so schlimm, dass Lkw Fahrer, welche sich weigern selbst zu entladen, entweder wieder weg geschickt oder einfach stehen gelassen werden, ob nun pünktlich oder nicht. Entweder der Lkw Fahrer entlädt selbst oder muss lange warten bzw. verschwindet wieder.

Auch nicht zu vergessen ist an eben jenen Entladestellen die Behandlung der Lkw Fahrer. Trotz Pünktlichkeit, trotz Höflichkeit und trotz ordentlichem Erscheinungssbild (leider nicht bei allen Kollegen), werden selbige stellenweise wie der letzte Dreck behandelt. Teilweise dürfen sie beim Großlogistiker noch nicht einmal sanitäre Einrichtungen benutzen.

Wie konnte es eigentlich soweit kommen?

Viele Großlogistiker, getrieben vom Kostendruck, waren gezwungen Möglichkeiten zu finden, ihre Kosten zu minimieren. So setzten sie unter anderem den Hebel am eigenen Lagerpersonal an und reduzierten selbiges auf ein Maß, dass im Endeffekt nur noch der Lkw Fahrer him self als Entlader übrig blieb. Und einige dieser Lkw Fahrer Spezies wiederum (frei nach dem Motto, das passt mir zwar nicht, dass ich hier selbst entladen muss, aber Hauptsache ich bin hier schnell wieder weg), nahmen halt doch die Elektroameise in die Hand und entluden ihren Lkw selbst. Und als die Großlogistiker sahen wie gut das funktionierte, bzw. wie ‚gutmütig‚ (um das mal sehr vorsichtig zu formulieren) viele Lkw Fahrer waren, wurde das dann dementsprechend in gängige Praxis übernommen. Und diejenigen Lkw Fahrer, welche sich solche Methoden vom Großlogistiker nicht gefallen lassen wollten, wurden halt kurzerhand einfach lange wartend stehen gelassen oder auf alle Ewigkeit des Betriefshofes verwiesen.

Was für uns Lkw Fahrer bei den Großlogistikern noch erschwerend hinzu kam, das waren die Lkw Fahrer Kollegen, welche dort mit einem schlechten Erscheinungsbild auftraten oder sich nicht benehmen konnten. Soll heißen, eine sanitäre Anlage zum Beispiel derart missbräuchlich behandelten, dass diese im Endeffekt für alle Lkw Fahrer Kollegen gesperrt wurde. Da bringt ein angenehmes Äußeres und gutes Benehmen eines Lkw Fahrers nun auch nichts mehr.

Und nun haben wir bei sehr vielen (nicht allen!) Großlogistikern eine Situation, welche eben sehr zu wünschen übrig lässt.

Aber es geht auch anders.

Anders insofern die meisten Verbraucher zum Beispiel endlich mal von der „Geiz ist geil Mentalität“ abrücken würden, so dass viele Großlogistiker auch wieder eigenes Lagerpersonal bezahlen könnten. Voraussetzung hierbei wäre aber auch ein Abrücken von Gier seitens der Großlogistiker. Gewinn ist Gewinn. Warum muss der von Jahr zu Jahr immer mehr gesteigert werden?

Im Falle der Speditionen sieht die Lage etwas anders aus. Aktuelle Zahlen sprechen von ca. 45.000 Berufskraftfahrerstellen, welche nicht besetzt sind und hier dementsprechend händeringend Personal gesucht wird. Die Ursachen dafür sind vielschichtig. Die oft zitierte Unattraktivität des Berufes des Lkw Fahrers, die demografische Entwicklung Deutschlands, der Wille zur Ausbildung von Speditionen oder das Bildungsniveau in Deutschland im Allgemeinen. Es hat hier eine Entwicklung stattgefunden, dass dadurch die Anforderungsprofile von Speditionen an Lkw Fahrer mittlerweile so dermaßen in den Keller gegangen sind, dass man heutzutage schon froh ist, wenn ein Lkw Fahrer Kollege mit einem Lkw von hier nach da fahren kann. Ich bekomme manchmal das Gefühl, gutes Benehmen, Mitdenken, Fleiß oder selbstständiges Arbeiten etc. spielen heutzutage bei Lkw Fahrern auf Grund des Mangels selbiger, eine eher untergeordnete Rolle. Die Nation will versorgt werden, fahr und ab dafür.

Somit ist es überhaupt nicht verwunderlich was sich da gerade aktuell an den Rampen bei vielen Großlogistikern abspielt. Auf der einen Seite viele Großlogistiker denen alle Mittel und Wege zur Kostensenkung recht sind und auf der anderen Seite die Lkw Fahrer, welche stellenweise wie kostenlose Arbeitskräfte und Dreck behandelt werden. Und irgendwo dazwischen die Verbraucher.

Wer hier wie versagt oder sich falsch verhalten hat, das sei mal dahin gestellt, aber so ganz unschuldig an der Situation ist niemand. Weder die Großlogistiker, noch die Verbraucher und die Lkw Fahrer auch nicht. Es war halt einfach ein schleichender Prozess ;-)

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