Großes Fahrzeug, große Verantwortung 

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31.08.2016

Vor vielen Jahren, als ich noch keinen Führerschein besaß, lebte ich in einer Stadt in Baden Würtemberg in einer Wohngemeinschaft. Wie jeden Morgen (Mo-Fr) sind wir, also meine Mitbewohner und meine Wenigkeit, von einem Fahrdienst zur Arbeit gefahren worden. Dieser brachte uns zur ca. 30 Kilometer entfernten Arbeitsstelle. Nachmittags dann genau das Gleiche, nur halt eben in die entgegengesetzte Richtung.

An einem bestimmten Tag Nachmittags auf dem Weg nach Hause ereignete sich ein Vorfall, den ich mein Lebtag nicht vergessen werde.

Wir fuhren auf einer Landstraße im Berufsverkehr in einer 60iger Zone und wurden plötzlich wie aus dem Nichts, von einem 40 Tonnen Lkw überholt. Jeder von uns schüttelte nur mit dem Kopf und wollte nicht glauben, was er da gerade gesehen hatte. Allerdings nütze dem LKW Fahrer sein Überholmanöver überhaupt nichts, da er sich im dichten Berufsverkehr wieder in die Schlange der Fahrzeuge vor uns mit einordnen musste.

Nun kamen wir in eine Ortschaft. Der Lkw vor uns machte mit seinem Motorwagen einen leichten Schlenker nach links, das Ganze sogar bei Gegenverkehr und ohne das einmal seine Bremslichter aufleuchteten. Er versuchte einen 11 jährigen Jungen, welcher mit seinem Fahrrad am rechten Rand der Straße fuhr, zu überholen. Dabei hatte der Lkw nicht mehr als geschätzte 20 cm Abstand zu dem Jungen. Durch diese gefährliche Aktion des Lkw Fahrers ist der Junge ins Straucheln geraten, kippte mit seinem Fahrrad nach links weg und ist dabei von dem Anhänger des Lkw´s einmal komplett überrollt worden. Ich konnte beobachten wie der Kehlkopf des Jungen aus seinem Mund heraus geschossen kam und in einem hohen Bogen auf dem Gehweg landete. Der Lkw Fahrer fuhr danach einfach weiter, so als wenn nichts geschehen wäre. 

Wir sind angehalten, wie in Trance sind wir zu dem auf der Straße liegenden und blutüberströmten Jungen gerannt und hatten versucht erste Hilfe zu leisten. Ein damaliges WG Mitglied von mir lief zur gegenüberliegenden Tankstelle und rief den Notarzt, welcher dann auch eine gefühlte Ewigkeit später mit lauter Sirene und quietschenden Reifen am Unfallort eintraf.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich wie gelähmt an einem Laternenpfahl stand und beobachte wie der Arzt versucht hatte alles für das Leben des Jungen zu geben. Als ich sah wie der Arzt vor lauter Wut und Verzweiflung darüber den Jungen nicht gerettet haben zu können, seine Arztutensilien auf den Boden der Straße warf, sind mir meine Knie weggegangen und ich bin in mich zusammen gesackt. Dieses Bild, dieses Gefühl und das Wissen darüber, dass ein Mensch der sein ganzes Leben noch vor sich hatte, von jetzt auf eben tod ist, das war einfach zu viel für mich.

Die Polizei, welche mittlerweile nun auch am Unfallort eingetroffen war, hatte den flüchtigen Lkw Fahrer gleich mitgebracht. Dieser stieg aus dem Polizeiauto aus, schaute auf den toten Jungen auf der Straße, brach in Tränen aus und sackte, so wie zuvor ich an dem Laternenpfahl auch, in sich zusammen. Kurz danach traf eine ältere Dame am Unfallort ein und fragte mich was denn hier passiert sei. Als ich versucht hatte zu antworten, vernahm ich von ihr nur noch folgenden Satz: „Ach du je, das ist ja mein Enkel!“

Der Mensch ist im Stande eine Menge zu ertragen, aber das war zu viel. Ab dem Moment war für mich alles nur noch wie in einem Alptraum. Das konnte nicht wirklich stattgefunden haben.

In der später daraufhin folgenden Gerichtsverhandlung behauptete der Anwalt des Lkw Fahrers, dass sein Mandant angeblich nicht gemerkt hätte, dass er den Jungen mit dem Anhänger überfuhr. Ich persönlich weiß nicht, ob man das merkt oder nicht und ich möchte das auch nicht wissen. Ich möchte nur, dass wir, die wir mit einem so großen Fahrzeug tagtäglich unterwegs sind, damit verantwortungsvoll umgehen, weil wir gelernt haben das Leben zu schätzen, unser eigenes, sowie das der anderen Verkehrsteilnehmer auch.

2 Gedanken zu “Großes Fahrzeug, große Verantwortung 

  1. Schrecklich. Ich denke aber schon, daß man das u.U. tatsächlich nicht bemerkt — ich habe mal einem PKW mit der Trailerstoßstange einen Kotflügel nebst Frontschürze weggerissen und auch nichts bemerkt. Das ist natürlich keine Rechtfertigung fürs kriminell knappe Überholen, aber vielleicht eine Erklärung fürs Weiterfahren.

    Aber vor Radfahrern (und allgemein Zweirädern) hab ich am Lastwagensteuer eh einen höllischen Respekt. Wenn ich nicht zum Überholen auf die Gegenfahrbahn kann, fahr ich da notfalls kilometerlang hinterher, denn Überholen in derselben Spur ist, wie Dein Artikel schockierend deutlich zeigt, absolut unverantwortlicher Wahnsinn.

    Die meisten Zweiradfahrer übrigens verlieren nach ein paar hundert Metern, die sie von einem Lastzug verfolgt werden, von selber die Nerven, fahren auf den Bürgersteig oder in eine Einfahrt und lassen einen vorbei …

    Liebe Grüße, Dieter :-)

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