Erkenntnis

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28.08.2016

Als der deutsche Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) zehn Jahre alt war, wollte ihn seine Lehrerin (laut eigener Aussage) zur Sonderschule schicken, weil er angeblich zu dumm war. Nun, was sagt uns das? Richtig, nichts, denn ich hatte früher in der Schule in Musik und Russisch stellenweise auch eine 5 und was ist aus mir geworden? Genau, ein aufrichtiger und anständiger Berufskraftfahrer.

Wenn man hingegen meinem beruflichem Image eher Glauben schenken mag, dann bedeutet das, dass ich es wegen meiner mittelpubertären schulischen Leistungen nur zum Hilfsarbeiter mit Führerschein geschafft habe. Dazu mit einem ungepflegten Erscheinungsbild, ungebildet, kognitiv halt einfach zu früh abgebogen. Eben zu dumm einen Eimer Wasser auszukippen, eher würde ich ihn austrinken. Nein, das würde ich nicht und ungepflegt bin ich auch nicht. Ich versuche sogar immer erst vorher zu überlegen, bevor ich etwas in die Tat umsetze oder mich ausführlich zu informieren, bevor ich mich zu einem bestimmten Thema äußere. Was meinen Beruf betrifft, so versuche ich mich nach Möglichkeit stets auf dem Laufendem zu halten. Welche Gesetze haben sich geändert, welche neuen Techniken wurden wieder erfunden oder sind gar schon im realen Einsatz? Welcher verkehrspolitische Herzinfarkt nimmt als nächstes Anlauf, um tief in meinem kleinen Fahrerherzen einen festen Platz zu beanspruchen? Wie sieht es in der Transportbranche eigentlich generell so aus?  Und hier zeichnet sich für mich aktuell ein eher düsteres Bild.

Viele meiner Kollegen sind in diesem Zusammenhang am Klagen.

  • Wir werden mies behandelt.
  • Wir verdienen zu wenig Geld.
  • Wir haben keinen Zusammenhalt.
  • Wir werden ausgebremst.
  • Wir werden abgezockt.
  • Wir sind die Deppen der Nation.
  • Wir haben keine Lobby.
  • Wir müssten alle mal streiken.

Wir werden,
wir sind,
wir haben
und
wir müssten…

Das klingt für mich alles nach:

„Hätte der Hund nicht gerade sein Geschäft gemacht, dann hätte er auch den Hasen zerlegt.“

Hat er aber nicht und nun?

Was mich bis vor einiger Zeit verwundert und somit auch immer wieder zum Kopf auf das Lenkrad schlagen veranlasst hat, ist die Tatsache, dass viele meiner Kollegen zwar richtig gut im Abfeuern von Kritik behafteten Worthülsen sind, wenn es aber ernsthaft darauf ankommt Missstände in der Transportbranche real zum Positiven zu verändern, sie dann nur mit Beschimpfungen, Beleidigungen, gefährlichem Halbwissen oder mangelnder Präsenz in Erscheinung treten. Da werden lieber gemütlich vor dem heimischen PC oder unterwegs vor dem Laptop oder Smartphone die Kommentarspalten diverser ‚Facebook-Trucker-Gruppen‘ für all den aufgestauten Ärger zu emotionalen Frustabbauventilspalten umfunktioniert. Der aufgestaute Frust muss ja schließlich irgendwo hin, nicht, dass der Kraftfahrer noch platzt vor Wut, ob all der Ungerechtigkeiten in der Transportbranche. Auch auf Autohöfen zeichnet sich ein ähnliches Bild ab. Es wird gemeckert und geschimpft, teils sogar so intensiv, bis der frisch gekochte Kaffee oder das frisch gezapfte Feierabendbier schon wieder hart werden.

Natürlich ist das Transportgeschäft kein Ponyhof. Es ist ja nicht so, dass wir in unserer Berufsbranche keine Probleme zu bieten hätten. Mitnichten. Um diese Probleme soll es in diesem Artikel aber nicht gehen, sondern vielmehr, wie mit diesen Problemen seitens vieler Kollegen umgegangen wird und welche Erkenntnis man daraus gewinnen kann.

Propaganda oder Fakten

Interressant ist, wie sich viele Kollegen informieren (wenn sie es denn überhaupt tun!). Die ‚Bild Zeitung‘ ist hier sehr oft die Informationsquelle Nummer eins. Wie die Punkrockgruppe „Die Ärzte“ es in einem ihrer Lieder schon so treffend beschrieb, „besteht, wer wüsste das nicht, die ‚Bild Zeitung‘ aus Angst, Hass, Titten und dem Wetterbericht“. Mehr braucht es für die betreffenden Kraftfahrerkollegen anscheinend nicht. Nur, wer die ‚Bild Zeitung‘ liest, der weiß zwar was in der ‚Bild Zeitung‘ steht, aber nicht was wirklich los ist. Das interessiert viele Kraftfahrerkollegen aber auch nicht. Hauptsache es ist alles kompakt, übersichtlich und leicht verständlich. Lesen und nicht nachdenken, das ist hier die Devise. Das wird schon so sein, wie es da steht. Schließlich kann man ja anhand der Fußballergebnisse im Sportteil überprüfen, ob die ‚Bild Zeitung‘ lügt oder nicht.

Richtig lustig wird es dann, wenn die gelesenen Informationen (nicht Fakten!) aus der ‚Bild Zeitung‘ einem in gemeinsamen Gesprächen von einigen Kollegen als Argumentationsgrundlage um die Ohren gehauen werden.

  • Die Griechen sind faul.
  • Alle Asylanten vergewaltigen unsere Frauen.
  • Jeder Moslem ist ein Islamist.
  • Putin ist böse.

Interessant zu wissen ist in dem Zusammenhang, welche Bedeutung bzw. Funktion die `Bild Zeitung` in Deutschland eigentliche inne hat. Sie ist für den normalen Durchschnittsbürger gedacht, um ihn die Informationen zu kommen zu lassen, welche er laut der herrschenden Elite wissen soll. Dabei geht es nicht um Fakten, sondern oft um reine Propaganda. So wurde in den 1990iger Jahren das Volk medial auf einen völkerrechtswidrigen NATO Krieg gegen Jugoslawien vorbereitet und eingestimmt. Auch die Ausplünderung Griechenlands durch den IWF wurde mit übelster Propaganda so konträr dargestellt, als dass nur die faulen Griechen an ihrem Schicksal schuld seien. Das waren sie aber nicht, nur ist das für den Ottonormalkraftfahrer völlig irrelevant. Er hat auch gar keine Lust, neben der `Bild Zeitung`noch andere Quellen zu diesem Thema zu checken. Wozu auch, kostet eh nur Zeit und die ist im Transportbereich ziemlich kostbar.

Beschleunigung der Zeit

Durch vermeintliche Hilfsmittel wie Smartphones oder soziale Netzwerke zum Beispiel, haben wir heute besser denn je die Möglichkeit miteinander, viel schneller als früher, Informationen auszutauschen. Eine eins zu eins Kommunikation sozusagen. Das beinhaltet meiner Meinung nach aber auch einen großen Nachteil, welcher sich in dem sozialen Netzwerk Facebook sehr gut beobachten lässt. Irgendjemand postet, dass sich der Papst öffentlich dazu bekannt hat heterospirituell zu sein. Durch die Teilenfunktion wird in Null Komma Nix diese Meldung viral in alle Richtungen verteilt. Ohne zu prüfen ob diese Meldung überhaupt der Wahrheit entspricht. Teilen ist eben einfacher als nachprüfen. Und wer die Meldung als erster bringt, ist eh der Coolste. Was macht man nicht alles für ein paar Likes? Da hat sich die Wahrheit einfach mal wieder hinten anzustellen.

Hass und Drohungen im Internet

Diese Phänomene erkennt man auch sehr gut in den jeweiligen `Trucker Facebook Gruppen`. Da postete vor längerer Zeit mal ein Kollege eine Meldung über eine ungarische Spedition, wie unterbelichtet doch die Fahrer selbiger seien und wie ungerecht es dem deutschen Kraftfahrer gegenüber ist, dass diese Spedition mittlerweile 3500 LKW´s (laut Wikipedia) ihr eigen nennt und diese auch europaweit im Komplettladungsverkehr kostengünstig einsetzt. Damit schließlich auch den deutschen Transportmarkt in Grund und Boden fährt. Danach wurden unter diesem Beitrag von sehr vielen Kollegen rassistische Grußworte feinster Colour an die ungarischen Fahrerkollegen gerichtet, dass es einem eiskalt den Rücken runter lief. Es gab sogar Kollegen, welche damit gedroht hatten, sich den einen oder anderen ungarischen Kollegen im realen Truckeralltag auch mal persönlich zur Brust zu nehmen. Immer drauf auf die Ärmsten. So löst man in bestimmten Truckerkreisen Probleme. Einfach mal einem armen osteuropäischen Kollegen eins auf die Zwölf geben und schon verschwindet diese ungarische Spedition wieder vom Transportmarkt. Warum kompliziert wenn es auch einfach geht?

Als ich mir die Kommentare dann so durchgelesen hatte, musste ich mir ernsthaft die Frage stellen, ob hier wirklich Hilfsarbeiter mit Führerschein am Start waren. Mit einem richtigen Deutsch oder mit Grammatik hatte das teilweise so viel zu tun, wie ein Lkw Fahrer mit der Raumstation ISS. Es ist halt schon ein Vorteil mit einem Smartphone mobil von überall her seine Kommentare in Facebook schreiben zu können. Natürlich auch während der Fahrt hinter dem Lenkrad. Da man aber auch des Öfteren mal aus Sicherheitsgründen auf die Straße schauen muss, hat man eben keine Zeit mehr auch noch auf ein ordentliches Deutsch oder korrekte Grammatik zu achten. Das ist eben so, man sollte ja eigentlich wissen was gemeint war und wenn nicht, dann wird man auch gern von den Kollegen höflich zum Klugscheißer oder Besserwisser deklariert.

Zusammenhalt

Sehr oft wurde auch der angeblich nicht vorhandene Zusammenhalt unter den Kollegen bemängelt. Dazu kann ich nur eines sagen, dass es diesen Zusammenhalt unter den Kollegen schon gibt, aber nicht so, als dass man damit wirkliche Transportbranchenprobleme lösen könnte. Um das zu verdeutlichen möchte ich an dieser Stelle einen Vorzeigebeamten der Dienststelle `Schwerlastkontrollgruppe der Autobahnpolizei Münster` vorstellen. Polizeioberkommissar Thorsten Baumann. Dieser gute Mann hat eine Obsession. Man würde meinen, dass es ihm in seiner Funktion vorwiegend um Ladungssicherung oder um die korrekte Einhaltung der Sozialvorschriften geht, aber nein. Dieser Mann hat etwas gegen zu viel Licht an einem Lastkraftwagen. Hat ein kontrollierter Lkw zu viel Lampen oder Lämpchen am Fahrgestell montiert, dann hagelt es Anzeigen und Bußgelder. Ob der Fahrer ausgeschlafen ist oder die Ladung vorschriftsmäßig gesichert ist, das ist dabei zweitrangig. Das gipfelte sogar darin, dass sich dieser Mann privat auf den Weg zu einem Truckerfestival machte und heimlich Aufnahmen von gestylten Nutzfahrzeugen erstellte, welche eben etwas mehr Licht zur Verfügung hatten. Danach hagelte es dann wieder reichlich Anzeigen. Mal ganz ehrlich. Nur allein schon für diese Aktion hätte für mich Herr Baumann die Bundesverdienstmedaille für den Mitarbeiter des Jahres verdient. So ein Engagement und so eine Einsatzbereitschaft ist doch wirklich selten geworden heutzutage.

Nun passierte folgendes. Ein Kraftfahrerkollege erstellte daraufhin eine Facebookseite mit dem wirklich schönen Titel Ein Licht für Baumann und ca. 7200 Facebookmitgliedern gefällt diese Seite bis dato. So und nun wurde in Richtung Münster mit Photos von Trucks mit Zusatzbeleuchtung, inklusiver verbaler Beschimpfungen, alles abgefeuert was das gepeinigte Truckerherz so zu bieten hatte. Ein Bild schöner als das andere und `freundliche` Grüße, wie sie in keinem Poesiealbum der Erde zu finden sind. Na, wenn das kein Zusammenhalt ist, dann weiß ich es auch nicht. Wenn es darum geht gemeinsam gegen andere zu sein, dann sind die Meisten dabei, wenn es aber darum geht sich mal für seine eigenen Interessen einzusetzen, dann kann selbst eine Onlinepetition zur Erhöhung der Spesensätze für das Fahrpersonal auf Grund von mangelnder Beteilung gepflegt den Bach runter gehen.

Was ist den meisten deutschen Kraftfahrerkollegen eigentlich am Liebsten?

Nach dem was ich so in den letzen Jahren gesehen, erlebt und gelesen habe, würde ich sagen, dass die meisten Kraftfahrerkollegen in erster Linie erstmal nur ihrem Job nachgehen wollen. Natürlich hätten sie auch den einen oder anderen negativen Umstand gern geändert, aber sich intensiv damit auseinander zu setzen und etwas praktisches dafür zu tun, außer darüber zu meckern und zu mosern, wollen sie eher nicht. Ich glaube das ist den meisten Kraftfahrerkollegen auch zu anstrengend. Da sollen sich dann doch lieber andere Kollegen den Arsch aufreißen. Kollegen zum Beispiel, welche richtig was im Kopf haben und ihre wenige freie Zeit unter anderem auch noch damit verbringen, sich intensiv zu informieren oder unter anderem auch Kraftfahrerprotestveranstaltungen zu organisieren. Ob das auf Grund mangelnder Beteiligung seitens derjenigen für die gekämpft werden soll, dann wiederum auch Sinn macht, ist dabei natürlich eine nicht ganz zu unterschätzende Frage. Denn was nützt es denjenigen, welche alles andere als bequem und schlecht informiert sind, sich hinzustellen und darauf zu hoffen, dass ihnen die ach so bequemen und geschundenen Fahrerkollegen Gefolgschaft leisten? Nichts. Der Aufwand ist zwar groß, der Nutzen wird aber immer relativ bescheiden bleiben.

Die Lösung?

Es ist natürlich nicht ganz unwesentlich kluge Köpfe in der Transportbranche für Veränderungen am Start zu haben. Allerdings allein darauf zu hoffen, dass sich nur durch diese Personen etwas ändert, ist meiner Meinung nach falsch. Wenn die klugen Köpfe hingegen darauf hoffen die von mir im Artikel beschrieben Kraftfahrerkollegen für ihr Engagement und ihre Aktionen begeistern zu können bzw. sie dazu zu bringen sich aktiv daran zu beteiligen, ist das auch falsch. Die Lösung kann meiner Meinung nach nur darin bestehen, dass sich jeder einzelne Kraftfahrer selbst intensiv mit den Problemen in der Transportbranche auseinandersetzt. Sich zwingend auch mit den Ursachen und Hintergründen beschäftigt und somit auch im Stande ist den wahren Verursacher eines Missstandes zu erkennen. Teilweise würde es an mancher Stelle auch so sein, dass sich manch Kraftfahrer selbst als das Problem erkennt. Gemeinsame erfolgreiche Aktionen kann es im Transportgewerbe nur geben, wenn jeder einzelne Kraftfahrer seine Bequemlichkeit aufgegeben hat und gut informiert ist.

Erkenntnis

So wie es Gustave Le Bon in seinem Buch „Psychologie der Massen“ schon so treffend beschrieb:

Mit Zunahme der Massen nimmt der Verstand ab.

bleibt in dem Zusammenhang nur noch die Erkenntnis, dass die Mehrheit der Menschen gar nicht gewillt oder im Stande ist unbequem und informiert zu sein. Dieses Recht behalten sich immer nur sehr wenige Personen vor. Ob in der normalen Bevölkerung oder speziell in der Transportbranche, es war, ist und wird immer so sein und uns bleibt im Prinzip nur noch das Beste daraus zu machen.

Ich für meinen Teil hatte mich vor etwas längerer Zeit bereits dazu entschieden, das endlich so zu akzeptieren. Leiden und untergehen werden wir so oder so, aber mit der verbliebenen Freude am Beruf und der Freude über das Verhalten der von mir beschriebenen Kraftfahrerkollegen macht es halt einfach noch ein bisschen Spaß.

In diesem Sinne, gute Fahrt.

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