Kritik an der mangelnden Bildung der Bürger

Lesezeit 3 Minuten

27.06.2016

Ein Gastartikel von Gerd Schiefer

Bildung hört nicht mit dem Schulabschluss – egal welchem – auf.

Wenn man die mangelnde Bildung der Bürger kritisiert, dann fühlen sich viele Menschen mit einem gefühlt minderwertigerem Schulabschluss persönlich angegriffen. Dabei geht es überhaupt nicht darum, ob jemand Hauptschule oder Gymnasium besucht hat. Ich habe übrigens beides kennen lernen dürfen und muss ehrlich sagen: In den drei Jahren Hauptschule habe ich aus meiner Sicht mehr für mein Leben mitgenommen als später auf dem Gymnasium. Völlig unabhängig vom Schulabschluss auf Papier meine ich, wenn ich die fehlende Bildung einiger Mitmenschen kritisiere, dass diese nicht bereit sind, mal mit offenen Augen durchs Leben zu gehen. Die nicht bereit sind, Nachrichten auch außerhalb der Sensationsmeldungen aufzunehmen und sich mit der Bedeutung auseinanderzusetzen.

Ich kritisiere nicht Menschen, die bestimmte Dinge nicht können.

Wenn z.B. jemand Legastheniker ist (ich meine tatsächlich und nicht aus Bequemlichkeit vorgegeben, wie von mir gefühlt bei mittlerweile 90% der Bevölkerung), dann heißt das nicht, dass dieser Mensch ungebildet ist. Wer das gleichsetzt, ist aus meiner Sicht selbst ungebildet. Ich kritisiere vielmehr Menschen, die nicht lernen WOLLEN. Die sich aus reiner Bequemlichkeit zurückziehen und die sonst fast nichts weiter interessiert. Obwohl es sie betrifft. Die dann Ausreden finden, wie etwa: „Was kann ich als einzelne Person schon ausrichten.“ Sehen wir ja, was der einzelne Brite mit seinem Kreuz verursacht hat. Da dachten bestimmt auch viele: „Mein Kreuz fällt doch eh nicht ins Gewicht, also mache ich es mal aus Protest hier.“ Super, jetzt wollen sie es rückgängig machen?

Aber so funktioniert Demokratie nicht. Man muss sich schon VORHER informieren! Und nicht nur die Parolen der lautesten Schreier aufschnappen und weiterverbreiten.

Bezeichnend finde ich auch den Bericht, wonach nur Stunden nach der Wahl die meisten Wahlversprechen der Brexit-Befürworter wieder zurückgenommen wurden und sich die Wähler nun betrogen fühlen. Wir machen uns hier darüber lustig. Aber läuft es bei uns anders? Wie viele vollmundige Versprechen werden vor einer Wahl gemacht und welche davon werden nach der Wahl eingehalten? „… mit mir wird es eine PKW-Maut nicht …“ – Kann sich noch jemand daran erinnern? Die Leute vergessen es oder sie verdrängen es sogar bewusst mit dem Gedanken:

Ist halt so, kann ich allein eh nicht ändern.

Und dann wird das Kreuz bei einer extremen Partei gemacht. Oder wie immer. Oder überhaupt nicht. Aber es wird nicht nachgedacht, was man tatsächlich anders machen könnte! DAS meine ich, wenn ich von ungebildeten Bürgern spreche. Und ich verstehe inzwischen immer besser, weshalb viele Politiker Volksabstimmungen in Deutschland ablehnen. Die meisten Bürger sind doch überhaupt nicht in der Lage, rational über eine Sache zu entscheiden! Weil sie sich nicht mit der Materie und den Konsequenzen einer bestimmten Entscheidung beschäftigen wollen.

Übrigens gehört für mich zur Bildung nicht nur, irgendwelche Seiten im Internet aufzurufen. Dazu gehört für mich vielmehr, sich auch mal mit anderen Menschen zu unterhalten. Darunter auch mal mit Menschen, die eine andere Meinung argumentativ vertreten können. Ohne Beschimpfungen und Beleidigungen einfach mal zuhören, was der andere zu sagen hat und dann den eigenen Standpunkt hinterfragen. Nicht immer liegt man selbst richtig, ich habe meine Meinung über viele Dinge im Laufe der Zeit auch geändert, weil ich gemerkt habe, dass ich nicht immer richtig lag. Aber stattdessen sehen viele Menschen eine andere Meinung als persönlichen Angriff. Ich glaube, das liegt daran, dass sie eigentlich genau wissen, dass sie falsch liegen. Sonst würden sie argumentieren und nicht schimpfen.

2 Gedanken zu “Kritik an der mangelnden Bildung der Bürger

  1. Das Problem in der Politik (siehe auch bei den Brexit-Befürwortern) ist ganz einfach, dass Politiker ganz bewußt mit Lügen auf Stimmenfang gehen dürfen, ohne sich im Nachhinein dafür verantworten zu müssen. Ganz im Gegensatz dazu der kleine Mann, wenn man sich durch Lügen Vorteil(e) erschleicht, wird man gleich ganz hoch gehängt… ganz getreu dem Motto „Die kleinen hängt man, die großen läßt man laufen.“.
    Bevor die Politik nicht die ihr zukommende Verantwortung endlich mal im Sinne ihrer Wähler wahrnimmt und umsetzt, wird sich in dem Bereich nichts ändern. Es wird immer wieder „Protest-Falsch-Wähler“ geben, deren Entscheidung Situationen auslöst, die man so nicht unbedingt wollte. Zur Zeit stecken doch Wähler in ein Zwickmühle, denn
    a) Wählt man Protest, kann das verheerende Folgen haben, wie Du ja selbst geschrieben hast und wie man am Brexit als aktuellestes Beispiel auch gut erkennt.
    b) Setzt man sich aber mit den Programmen und Versprechen der Politiker mal auseinander, kommt man zu dem Schluß, dass man keinen wählen kann. Womit man dann als Nichtwähler ja wieder indirekt andere unterstützt, die man nicht unterstützen wollte.
    BTW, stellt sich da gleich noch die Frage, warum man sich mit den Programmen der Parteien denn beschäftigen sollte, wenn sie ja doch nur Lug und Trug bzw. leere Versprechen beinhalten.

    Im Endeffekt hat man doch nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Was nützt das schon die beste Demokratie, wenn sie doch nur hohle Phrasen beinhaltet und der Willen derer, die sie wirklich nutzen wollen ignoriert wird?

    1. @Micha …aus den von dir genannten Punkten bin ich schon vor längerer Zeit zu dem Entschluss gekommen, mich mit meinen Entscheidungen so weit es geht von Politikern unabhängig zu machen. Sozusagen die Dinge welche mein Leben betreffen, weitestgehend selbst in die Hand nehmend.

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