Fassungslos

Lesezeit 4 Minuten

08.06.2016

Kurz nach 13 Uhr 30 betrete ich das Wareneingangsbüro eines großen Aussenlagers. Hier wird mir ohne viel Zeit zu verlieren direkt um 14:13 Uhr von der Spätschicht mitgeteilt, dass es noch etwas dauert und ich dann aber relativ zügig entladen werde.

Gut, das Gefühl für Zeit liegt immer im Auge des Terminausführers. Hat man es eilig vergeht die Zeit wie im Flug und steht man gerade am Anfang seiner Spätschicht, kommt einem die Zeit vor wie das Warten auf ein neues Auto, welches aber erst in drei Monaten vom Band läuft.

In der Hoffnung, dass es wie gesagt dann relativ zügig geht, begebe ich mich zurück in meinen Lkw. Da ich ja jetzt etwas Zeit habe, nutze ich selbige dazu aus um mein Bett in der LKW Kabine einem weiteren kleinen Liegetest zu unterziehen. Alles gut. Es liegt sich nach wie vor hervorragend. So gut sogar, dass ich für einen Moment einschlafe.

Kurz nach dem Aufwachen klingelt mein Telefon.

Kannst Papiere holen und anschließend gleich reinfahren zur Entladung.

Ich freue mich und verbinde meine Freude gleichzeitig mit einem Blick auf die Uhr und stelle fest. Hossa, nach 30 Minuten geht’s schon los? Meine Freude steigt fast in’s Unermessliche. Wenn der Gabelstaplerfahrer zeitnah jetzt noch alles richtig macht, dann bin ich heute ausgeschlafen, gut gelaunt und überpünktlich zu Hause.

Jetzt, nachdem ich meine Papiere zur Entladung erhalten habe und am zugewiesenen Entladetor stehe, schickt mein mir zugewiesener Gabelstaplerfahrer zur Begrüßung erst einmal ein paar Salven unterirdischter Freundlichkeiten entgegen.

*
Meister, wenn du ausgeschlafen hast, können wir dann endlich loslegen?
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Bevor du nicht weißt wo du dich hinstellen sollst, pack lieber deine dämlichen Bretter an die Seite!
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Ey Kollege, kannst du eigentlich auch noch etwas anderes als im Weg rumzustehen?
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Wenn dir langweilig ist, dann roll doch schon mal deine Gurte zusammen! …falls dir das nicht zu viel Arbeit ist?
*

Ich habe als Lkw Fahrer in den all den Jahren schon eine Menge erlebt, aber jemanden der mit so einer „Ich kann alles und du bist in meinen Augen nichts Strategie“ daher kommt, den hatte ich auch noch nicht.

Ich denke mir so im Stillen, dass ich erst mal ruhig bleibe und mir den Kollegen bei passender Gelegenheit herzlichst zur Brust nehmen werde. Währenddessen ist der Gabelstaplerfahrer dabei (vielleicht auf Grund meiner Wortlosigkeit) an der Ausarbeitung seiner Strategie gegen mich weiter zu arbeiten.

Der Gabelstaplerfahrer:

*
Junge, man wie lange brauchst du denn? In der Zeit hab ich meine Oma schon zweimal beerdigt.
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Alter leg das Spannbrett woanders hin, ich fahr sonst drüber und dann musste sehen wo du ein Neues herkriegst.
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Man oh man, so was dämliches wie dich hab ich hier auch noch nicht gesehen.
*

Um dem Theater endlich ein Ende zu setzen drehe ich mich jetzt zu dem Kollegen um und stelle mich ganz ruhig an die Seite seines Arbeitsgerätes.

Ich:

Sag mal Meister, kann das sein, dass du heimlich Farbe trinkst oder jeden Morgen mit dem Spaten geweckt wirst? Hast du überhaupt einen Arbeitsvertrag, dass du hier so rumpupen darfst? Ist es möglich, dass du ein bisschen schmal in deiner Fontanelle bist?

Ich meine, man wird doch wohl noch fragen dürfen.

Der Gabelstaplerfahrer schaut mich mit großen Augen erschrocken an. Ich bin mir nicht ganz sicher, es könnte eventuell sein, dass ich den Kollegen mit meinem ruhigen Auftreten etwas verunsichert habe. Um seine Angst nicht Herr über sich selbst werden zu lassen, setzt der gute Mann zu einer letzten verbalen Gegenmaßnahme an.

Der Gabelstaplerfahrer:

Was denn? Ist doch so. Ihr seid die letzten Idioten. Ich seh das doch jeden Tag was von euch hier ankommt. Einer dümmer als der Andere.

Ich:

Tatsächlich? …. ist das so? Und „ihr“ Gabelstaplerfahrer seid „uns“ geistig absolut überlegen ja?

Das ich darauf keine Antwort erhalte finde ich etwas erstaunlich, aber warum nicht. Mein Lkw ist mittlerweile leer und der Gabelstaplerfahrer irgendwo hinter dem Tor verschwunden. Ich mache die Plane meines Aufliegers zu und plötzlich steht er wieder hinter mir. Der Gabelstaplerfahrer mit der sehr speziellen Meinung über mich und meine Kollegen.

Der Gabelstaplerfahrer:

Du musst noch warten, mit deiner Ladung stimmt was nicht. Du hast 3 Behälter zu wenig mitgebracht.

Ich habe bei der Beladung alle Behälter durchgezählt und da waren es 37 und von der Be- bis zur Entladestelle habe ich nicht einmal angehalten. Also wie können da bitte 3 Behälter verschwunden sein?

Ich:

Mit Sicherheit nicht. Da solltest du besser nochmal nachzählen Meister.

Da ich der festen Überzeugung bin, dass kein Behälter fehlt, gehe ich hinter das Entladetor (wo der Gabelstaplerfahrer die Ware abgestellt hat) und zähle die Menge der Behälter nochmal selbst durch. Und siehe da …voila…37.

Ich:

*
Und du willst mir mit deiner großen Klappe ernsthaft erzählen, dass wir Lkw Fahrer alles Idioten sind, wenn du schon selbst zum Zählen zu dämlich bist?
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Junge, Junge und sowas wie du darf hier auch noch Gabelstapler fahren und Lkw`s entladen.
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Mein Gott ist das peinlich.
*

So ich denke das reicht. Will mich ja auch nicht aufregen.

Der Gabelstaplerfahrer hat den Raum verlassen und ich muss jetzt nochmal zum Versandbüro um meinen aktuellen Laufzettel ausdrucken zu lassen. Dabei erwähne ich gegenüber dem Versandbüroleiter die gerade erlebte Situation. Seine Reaktion ist doch etwas überraschend für mich.

Ja ich weiß wen du meinst. Ja der hat `ne große Klappe. Der hat auch schon von ein paar Fahren eine vor die 12 bekommen. Aber was soll ich machen? Wir haben einfach keine Leute und seine Arbeit macht er ja.

Ich bin fassungslos und will jetzt nur noch nach Hause.

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